Mein Bruder in der Handtasche

Ich heiße Emma und lebe in einem kleinen Dorf in der Nähe von Köln. Ich habe ein großes Geheimnis: ich war schon immer fasziniert von der Handtasche meiner Mutter. Sie war groß, bunt und es waren so viele spannende Dinge darin. Ich konnte einfach nicht widerstehen, immer wieder hineinzuschauen und mit allem zu spielen, was ich darin fand. Meine Eltern schimpften jedes Mal, wenn sie mich dabei erwischten. „Emma, lass die Sachen in der Handtasche. Sie sind nicht zum Spielen da“, ermahnten sie mich.

Doch eines Tages änderte sich alles, als meine Mutter mir eine unglaubliche Geschichte erzählte. „Weißt du, Emma, du hattest einen Bruder, der genauso neugierig war wie du.“

Ich war verblüfft, denn ich hatte nie von einem Bruder gehört.

Meine Mutter erklärte: „Dein Bruder Max war ein aufgewecktes und neugieriges Kind. Er war genauso neugierig wie Du. Eines Tages, als ich kurz die Küche verlassen hatte, fand er meine Handtasche auf dem Küchentisch. Er konnte seiner Neugier nicht widerstehen und begann, in der Tasche zu kramen. Er zog meine Brieftasche heraus, spielte mit meinem kleinen Spiegel und lachte über die lustigen Geräusche, die die Schlüssel machten, wenn er sie schüttelte. Doch dann fand er etwas, das er noch nie zuvor gesehen hatte – ein kleines, schimmerndes Objekt, das tief in der Tasche versteckt war.“

Ich staunte über diese Geschichte und überlegt, ob ich dieses besondere Objekt auch schon gesehen hatte.

Meine Mutter erzählte weiter: „Als er es berührte, begann die Handtasche plötzlich zu leuchten und zu vibrieren. Max war überrascht, aber seine Neugier war stärker als seine Angst. Er griff tiefer in die Tasche, um das Objekt besser zu betrachten. Doch in diesem Moment passierte etwas Unglaubliches: Die Handtasche begann zu pulsieren und erzeugte einen Sog, der stärker und stärker wurde. Max versuchte sich loszureißen, aber es war, als ob die Handtasche lebendig geworden wäre und ihn hineinziehen wollte.“

Gebannt hielt ich mich am Arm meiner Mutter fest.

„Mit einem letzten, überraschten Blick auf mich wurde Max von der Handtasche aufgesogen. Es war, als hätte sich ein Portal in eine andere Welt geöffnet. Die Handtasche beruhigte sich wieder, als wäre nichts geschehen, aber von Max fehlte jede Spur. Seitdem lebt er in dieser Handtasche und kann nicht mehr herauskommen.“

Ich war geschockt. Konnte das wirklich wahr sein? Ich stellte mir vor, wie mein Bruder, Max, in der Handtasche lebte, umgeben von all den kleinen Schätzen meiner Mutter. Ab diesem Tag änderte sich meine Sichtweise auf die Handtasche völlig. Ich sah sie nicht mehr als einen Ort zum Spielen, sondern als das Zuhause von Max; meinen Bruder, den ich nie kennengelernt hatte.

Von diesem Tag an beobachtete ich meine Mutter genauer, wenn sie etwas in ihrer Handtasche suchte. Es war, als hätte die Tasche ein Eigenleben. Ich musste kichern, als ich mir vorstellte, wie Max meine Mutter ärgerte, indem er Dinge in der Handtasche versteckte.

Eines Tages konnte meine Mutter ihren Schlüsselbund nicht finden. Es war ein gewöhnlicher Nachmittag, als ich beobachtete, wie meine Mutter durch die große, bunte Handtasche wühlte, die Sie immer auf den Küchentisch legte, wenn sie nach Hause kam. Sie suchte nach ihrem Schlüsselbund, den sie für gewöhnlich sorgfältig in einem der vielen Fächer der Tasche aufbewahrte. Doch heute schien er wie vom Erdboden verschluckt.

Sie zog einen Gegenstand nach dem anderen aus der Tasche: eine kleine Packung Taschentücher, einen Lippenstift in einem leuchtend roten Farbton, ein kleines Notizbuch mit einem Stift, der daran befestigt war, und sogar ein Päckchen Kaugummis. Aber von den Schlüsseln fehlte jede Spur. „Wo kann er nur sein?“, murmelte sie vor sich hin, während sie die Tasche weiter durchwühlte.

Ich beobachtete sie fasziniert und musste an Max und seine Streiche denken. Vielleicht hatte er den Schlüsselbund in einer verborgenen Ecke der Handtasche versteckt oder ihn unter einem der vielen anderen Gegenstände vergraben. Ich stellte mir vor, wie er kichert, während er aus seinem geheimen Versteck in der Tasche zusieht, wie unsere Mutter verzweifelt suchte.

Ihre Stirn legte sich in Falten, und sie seufzte tief, als sie die Tasche fast vollständig entleert hatte, ohne den Schlüsselbund zu finden. „Diese Handtasche ist wie ein schwarzes Loch“, sagte sie kopfschüttelnd.

In diesem Moment fühlte ich eine tiefe Verbindung zu Max, auch wenn ich ihn nie kennengelernt hatte. Seine Streiche, obwohl sie unsere Mutter ärgerten, brachten etwas Magisches in unseren Alltag. Es war, als ob Max durch diese kleinen Aktionen seine Anwesenheit in unserem Leben spürbar machte.

„Ahhh. Da ist er ja!“ rief meine Mutter erleichtert. Während sie die Gegenstände zurück in ihre Handtasche packte, lächelte ich in mich hinein, wissend, dass Max irgendwo in diesem Moment ebenfalls lächelte.

Ich wünschte, ich könnte ihm sagen, wie sehr ich ihn gerne kennenzulernen würde. Aber ich wusste, dass ich die Handtasche nicht berühren durfte, um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden.

So blieb Max für mich immer der geheimnisvolle Bewohner der Handtasche, ein Bruder, den ich nur durch die Geschichten meiner Mutter und seine Streiche kannte.

Autor: Thomas Rosin (Datenschutzbeauftragter, https://thomasrosin.de), nach einer Idee von Michaela Rosin

Die Autorin/Der Autor empfiehlt ihre/seine Geschichte: „Mein Bruder in der Handtasche“ für Kinder von 11-14.

Erstellt am Montag, 05.02.2024