Ich weiß, dass ich nichts weiß ?

Früher spielten die Menschen gerne „Stille Post“. Es gab ja noch keine Computer, in denen sie die Dinge speichern konnten. Also erzählten die Menschen ihren Kindern Geschichten, die sie für die Nachwelt überliefern wollten. Wenn Du so eine Geschichte hörst, ist sie vermutlich schon viele Jahre und Jahrhunderte auf dem Weg zu Dir. Und wie das so ist bei der „Stillen Post“, kannst Du davon ausgehen, dass diese Geschichte ursprünglich eine ganz andere war, als jene, die Du gerade gehört hast.

Nehmen wir die Geschichte eines alten Erdenbürgers namens Sokrates, der gesagt haben soll: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Wissen wir, ob nicht bereits Platon, der erste, der in der Reihe der „Stillen Post“ hinter Sokrates stand, schon etwas an dieser Geschichte verändert hat ? Denn dass sich diese Geschichte stark verändert haben muss, ist doch wohl klar wie Kloßbrühe. Oder hat einer Deiner Eltern schon einmal den Satz zu Dir gesagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß ?“

Sokrates lebte im warmen Griechenland. Vielleicht hat er ja Platon ins Ohr geflüstert: „ Mir ist heiß, ich will ein Eis !“ Und vielleicht hat Platon, der seinem Freund kein Eis spendieren wollte, daraus mal eben einen Satz gezimmert, der ihn in klugem Licht erscheinen lassen sollte. Offenbarte Platon doch mit diesem Satz, dass er immerhin eines sicher wusste. Er wusste nämlich, dass er nichts wusste. Sollten Dir einmal Menschen begegnen, die vorgeben, mehr als eine Sache zu wissen, haben sie die platonische Bescheidenheit bereits hinter sich gelassen. Vielleicht packst Du die Gelegenheit beim Schopfe und fragst sie einfach, ob sie Dir ein Eis spendieren möchten.

Patrick Daubitz, Journalist und Chefredakteur von MOTORPRESS, mag Kinder, Stille Post, Eis und Kloßbrühe.

Die Autorin/Der Autor empfiehlt ihre/seine Geschichte für Kinder von 11-14.

Erstellt am Sonntag, 25.03.2012


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