Der Tiger, der sich in eine Schnecke verwandelte

So ein Tigerleben ist genial, findet ihr? Den ganzen Tag herumliegen, das Fell pflegen, die Schnurrhaare putzen, hingebungsvoll die nadelspitzen Krallen noch nadelspitzer schärfen und ab und an eine Antilope meilenweit jagen - so stellt ihr euch das bestimmt vor, so ein Tigerleben.
Aber weit gefehlt. Jedenfalls für den Tiger, um den es hier geht. Dieser Tiger hat nämlich noch nie eine Antilope gejagt. Oder seine Krallen an einem Baum geschärft. Herumliegen, ja, das kannte er, in seinem kleinen Käfig unter dem Zeltdach, oder im vergitterten Wagen, wenn es wieder auf Reisen ging. Statt über die Savanne lief er höchstens mal ein bisschen im Kreis, angefeuert vom Peitschenknall.
Nun habt ihr schon erraten, wo dieser Tiger lebte, von dem ich euch erzähle, oder? Genau, im Zirkus.
Pablo ist nämlich schon im Zirkus zur Welt gekommen und kennt daher nichts Anderes. Er war daran gewöhnt, Abend für Abend und Nachmittag für Nachmittag vor erwartungsvollen Kindergesichtern seine Kunststücke zu machen. Aber in seinem Tigerblut, da floss noch die Erinnerung an das Leben seiner Tigervorfahren, seiner Ur-Ur-Urahnen, Herrscher des dichten, grünen Dschungels. Und manchmal, wenn er nach einer Vorstellung abends in seinem Käfig lag, konnte er nicht schlafen vor lauter Sehnsucht nach einem anderen Leben. Dann klopfte sein Herz und hinter geschlossenen Augenlidern sah er sattes Grün. Das monotone Rauschen der Autobahn wurde in seinen Ohren zu einem mächtigen Wasserfall, der den Dschungel durchschneidet, und das Quietschen der LKW-Federn hörte sich an wie der Gesang unbekannter Vögel. Aber Pablo wusste, dass er niemals diesen Traum verwirklichen konnte. Er war ein Zirkustiger. Er war im Zirkus geboren, und er würde im Zirkus sterben.

Eines Morgens kam der Zirkus in ein kleines Städtchen. Es war noch früh, kaum jemand war unterwegs. Durch die Stäbe seines Transportwagens betrachtete Pablo gleichmütig die grauen Straßen und grauen Häuser, eines wie das andere. Doch halt - dieses Haus, das sah ganz anders aus. Es hatte eine leuchtend gelbe Fassade, an jedem Fenster war ein Blumenkasten mit kunterbunten Blumen, aber das Schönste an diesem Haus war der fantastische Garten. Hohe Bäume und blühende Büsche, freundliche Blumen, die selbst im grauen Morgen leuchteten. Verwinkelte Ecken und lauschige Hecken - ein richtiges Dschungelparadies. Pablo bemerkte, wie die alte Sehnsucht wieder an seinem Herzen zog.
Der Zirkuszug bog um die Ecke auf den kleinen Marktplatz ein und mit einem Ruck blieb sein Wagen stehen. Pablo hörte die Kommandos der Zirkusleute, die das große Zelt abluden und aufbauten. Jemand machte sich an seiner Tür zu schaffen, doch plötzlich waren überall Schreie und schnelle Schritte zu hören: Der große Mast in der Mitte des Zeltes drohte zu kippen und alle Zirkusarbeiter rannten durcheinander. Um besser sehen zu können, drückte Pablo sich in die Ecke seines Anhängers, quetschte sich dicht an die Tür. Leise und langsam öffnete sich die Tür. Pablo erstarrte. Sein Anhänger war offen und niemand war in seiner Nähe. Mit Macht rauschte sein Dschungelblut durch die Adern, sein Herz pochte, sein sonst so trüber Blick schärfte sich. Die Ohren spielten, der Schwanz peitschte, und ohne einen weiteren Gedanken schob er die Tür weit, weit auf und machte einen gewaltigen Satz auf den Asphalt. Noch hatte ihn niemand bemerkt, doch es kam auf jede Sekunde an. Gerade jetzt kam die Sonne durch die Wolken und brachte ihn zum Blinzeln, doch ein Zögern konnte er sich nicht leisten. Nach ein paar Schritten auf dem ungewohnten Untergrund spannten sich seine Muskeln, er fing an zu traben und dann zu laufen. Schon hörte er aufgeregte Stimmen und Rufe, schon sah er aus den Augenwinkeln seinen Wärter mit einem Netz und einer Stange auf ihn zu rennen. Pablo fühlte, wie sich sein Körper streckte, er war so schnell, viel schneller als alle Verfolger, schneller als der Wind. Über den Marktplatz und um die Ecke, quer über eine große Straße, auf der ein verdutzter Autofahrer eine Vollbremsung machte. Und ehe Pablo richtig darüber nachgedacht hatte, tat er einen großen, majestätischen Satz über den halbhohen Gartenzaun vom gelben Haus und verschwand unter dem Blätterdach, im kühlen Schatten der unbekannten Bäume. Doch wohin jetzt? Er sah sich gehetzt um: Hinter dem Haus ging der Garten weiter, es gab einen kleinen Teich mit einem gluckernden Wasserfall, doch zwischen dem Grün sah er bereits das Nachbarhaus. Ebenso war es auf allen Seiten des Gartens - er saß in der Falle. Schon hörte er von der Straße her die Rufe näher kommen, auch Polizeiwagen rasten nun mit Sirene heran. Nicht mehr lange, und sie würden ihn fangen. Ihn fangen und wieder in seinen kleinen Wagen sperren, eine dicke Kette vor der Tür. Nein, das konnte er nicht mehr ertragen, nicht jetzt, nachdem er Gras unter seinen Füßen gespürt und den Duft der Blumen gerochen hatte. Pablo war verzweifelt. Er wich in die hinterste Ecke des Gartens zurück, mitten in ein Blumenbeet, und kauerte sich nieder. Er schloss die Augen ganz fest, so wie du es vielleicht auch früher gemacht hast, wenn du dich gut verstecken wolltest. Und er hatte nur einen Gedanken: "Bitte, mach, dass ich nicht gefunden werde. Ich möchte für immer in diesem Garten leben, das soll mein Dschungel sein. Bitte, mach, dass ich nicht gefunden werde ..."
An wen er diese Bitte richtete, wusste Pablo selbst nicht genau. Doch auf einmal wurden die Stimmen leiser, der Wind schien zu einem mächtigen Sturm anzuschwellen und durch seine Adern lief ein Zittern. Sein Körper zog sich zusammen, seine Ohren verschwanden, sein Fell machte glatter Haut Platz. Vorsichtig öffnete Pablo die Augen und erschrak: Warum war alles so riesig? Das Gras überragte ihn, der Gartenteich sah aus wie ein Ozean. Und warum konnte er nicht mehr laufen, sondern schob sich mit einer merkwürdigen Bewegung voran?
Langsam glitt Pablo auf eine Pfütze zu und besah ängstlich sein Spiegelbild: Aus dem stolzen Tiger war eine kleine Schnecke geworden, für die der Garten nun wie ein riesiger Dschungel schien. Plötzlich erstarrte Pablo, denn ein Mädchen stand im Garten mit einem der Zirkusleute. Beide schauten sich um und der Mann kratzte sich am Kopf, bevor er kopfschüttelnd den Garten verließ. Das Mädchen wartete einen Moment, dann drehte es sich um und kam genau auf Pablo zu. Es ging in die Hocke und sah ihn genau an. Dann rief es: "Mama, hier im Garten ist eine Schnecke, die sieht aus wie ein ..." - erschrocken hielt das Mädchen inne. "Was ist?" rief die Mutter aus der Ferne. "Ach, schon gut!" antwortete das Kind. Dann strich es mit dem Zeigefinger Pablo ganz vorsichtig vom Kopf über den ganzen langen Körper, lächelte und flüsterte: "Tiger!" Von dem Tag an passte das Mädchen gut auf die Tigerschnecke auf, und Pablo genoss sein freies Leben im großen Gartendschungel.

Dorothee Bluhm, Jahrgang 1971, Werbetexterin in Gütersloh, zwei Kinder von 12 und 9 Jahren.

Die Autorin/Der Autor empfiehlt ihre/seine Geschichte für Kinder von 7-10.

Erstellt am Donnerstag, 07.08.2014


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