Banküberfall

Der kleine Mann fuhr mit seinem Dreirad vor. Auf den ersten Blick hätte man ihn für ein Kind halten können, welches von seiner Mutter begleitet wurde. Doch der schwarze Anzug mit Nadelstreifen, die korrekt gebundene Krawatte, die kleine Melone auf dem Kopf und die schwarzglänzenden Schuhe passten nicht so recht ins Bild. Ebenso wenig wie seine Begleiterin. Eine hochgewachsene Blondine in einem knappen schwarzen Kostüm mit Dutt und Sonnenbrille, die in der Hand einen großen schwarzen Geigenkasten trug.
Der kleine Mann stieg elegant von seinem Dreirad ab, drehte sich kurz zu seiner Begleiterin um und schnippte mit den Fingern, bevor er sich der Drehtür des großen Bankgebäudes zuwandte. Sie folgte ihm wortlos in gebührendem Abstand von 3 Metern.

Vorübergehende Passanten schmunzelten ein wenig über das ungleiche Paar, doch hätten sie niemals vermutet, gerade Zeugen eines wundersamen Banküberfalls zu werden. Eines Banküberfalls, der so noch nie zuvor und niemals wieder danach stattfinden sollte.

Kurz nachdem die Beiden das Bankgebäude betreten hatten, entnahm die Begleiterin dem Geigenkasten ein großkalibriges Gewehr und zielte auf einen jungen Schalterbeamten, der unvorsichtigerweise seine Nase neugierig und dienstbeflissen zu weit nach vorne gestreckt hatte. Der kleine Mann, ein höflicher Mensch, bat den Schalterbeamten freundlich, den gesamten Bargeldvorrat in den Geigenkasten zu legen. Er drohte dabei weder mit Gewalt noch wurde er laut oder brüllte herum. Nein. Das entsprach nicht seiner Natur. Stattdessen nahm er sich eine Tasse Kaffee, während er dabei zu sah, wie der Geigenkasten nach und nach mit Banknoten gefüllt wurde. Nebenbei empfahl er allen Besuchern und Angestellten, die erschrocken und ängstlich tuschelnd auf das Gewehr seiner Begleiterin blickten, doch ebenfalls eine Kaffeepause einzulegen. Sie sollten sich nett unterhalten und ein wenig in den Besuchersesseln entspannen. Aufgrund seiner sehr angenehmen Art und vielleicht, weil er durch seine geringe Größe eher seltsam als gefährlich wirkte, folgten die Mitarbeiter und Bankbesucher seiner Anweisung.
Als der Geigenkasten gut gefüllt war, bedankte sich der kleine Mann, zog seinen Hut und wünschte allen Anwesenden noch einen schönen Tag, bevor er mit seiner Begleiterin so unauffällig verschwand, wie er gekommen war.

Kaum hatten sie das Bankgebäude verlassen, hörten sie auch schon die ersten Polizeisirenen. Eilig bestieg der kleine Mann das Dreirad und trat kräftig in die Pedale, während die Dame mit dem Dutt ihm schnellen Schrittes folgte. Sie mussten nur um die nächste Ecke und ihre Kleidung wechseln. Eine Mutter mit einem Kind auf einem Dreirad würde von Niemandem angehalten werden.

Als sie wieder die Straße erreichten, standen überall Polizisten. „Entschuldigung“, sagte ein Polizist. „Wir suchen nach einem kleinen Mann in schwarzem Anzug auf einem Dreirad und einer hochgewachsenen Begleiterin.“ Der kleine Mann reagierte schnell. „Mami, Mami, ich will nach Hause!“ kreischte er in einer hohen, piepsigen Kinderstimme und trat er wieder in die Pedale. Seine Begleiterin lächelte den Polizisten entschuldigend an und zuckte mit den Schultern. Dann bahnten sie sich einen Weg durch die Menge. Wer nicht genau hinsah, der erblickte nur ein glücklich lachendes Kind.

Rike Capito, geb. 1968, Köln

Die Autorin/Der Autor empfiehlt ihre/seine Geschichte für Kinder von 11-14.

Erstellt am Mittwoch, 29.05.2013


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